Frage: Herr Kleinhans, nach dem endgültigen Scheitern der Intel-Ansiedlung in Magdeburg herrschte in der deutschen Politik tiefe Untergangsstimmung. Nun blicken alle nach Dresden, wo die Bagger bei der TSMC-Tochter ESMC ununterbrochen rollen. Haben wir noch einmal die Kurve gekriegt?
Jan-Peter Kleinhans: Absolut. Das Scheitern von Intel war natürlich ein schwerer politischer Dämpfer, aber technologisch und ökonomisch war es im Nachhinein vielleicht sogar ein heilsamer Schock. In Magdeburg wollten wir mit gigantischen, zweistelligen Milliarden-Subventionen modernste Zwei-Nanometer-Chips fertigen lassen. Das ist ein High-End-Segment, für das es in ganz Europa überhaupt keine nennenswerten Abnehmer gibt. Weder Volkswagen noch Bosch oder Siemens verbauen solche Smartphone-Prozessoren. In Dresden hingegen bauen wir jetzt genau das, was unsere heimische Industrie tatsächlich zum Überleben braucht.
Frage: Das bedeutet, die robusteren 28- und 12-Nanometer-Chips, die TSMC in Sachsen produzieren wird, sind für unsere Wirtschaft wichtiger als modernste High-Tech-Prozessoren?
Jan-Peter Kleinhans: Ganz genau. Die deutsche Wirtschaft lebt vom Maschinenbau, der Automobilindustrie und der industriellen Leistungselektronik. Ein modernes Auto benötigt Hunderte von Mikrochips, aber fast alle davon sind im Bereich zwischen 12 and 40 Nanometern angesiedelt. Das sind robuste, extrem zuverlässige Architekturen für Steuerungssysteme, Bremsen und Sensorik. Wenn dort die Lieferketten reißen, stehen die Bänder in Wolfsburg und Stuttgart still – das haben wir während der Pandemie schmerzhaft gelernt. In Dresden fertigt TSMC nun gemeinsam mit Bosch, Infineon und NXP. Das ist die logische, maßgeschneiderte Antwort auf die realen Bedürfnisse unseres Marktes.
Frage: Trotzdem fließen auch nach Dresden Milliarden an staatlichen Subventionen. Kritiker warnen, dass wir uns damit nur von einem anderen Riesen – TSMC aus Taiwan – abhängig machen. Ist diese Sorge unbegründet?
Jan-Peter Kleinhans: Das ist eine legitime Frage. Natürlich bleibt das geistige Eigentum und das technologische Spitzenwissen im Fall von TSMC in Taiwan. Aber wir müssen realistisch sein: Niemand in Europa kann eine solche Fabrik im Alleingang aus dem Boden stampfen und wirtschaftlich betreiben. Durch das ESMC-Joint-Venture holen wir das taiwanesische Prozess-Know-how direkt vor unsere Haustür. Das sichert die Lieferwege für unsere Autohersteller und stärkt den gesamten Cluster „Silicon Saxony“. Es ist keine absolute Autarkie, aber es ist ein riesiger Schritt hin zu mehr geopolitischer Resilienz.
Frage: Die europäische Halbleiter-Strategie, der „Chips Act“, zielte ursprünglich darauf ab, den globalen Marktanteil Europas bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Ist dieses Ziel im Jahr 2026 noch realistisch?
Jan-Peter Kleinhans: Nein, das war von Anfang an ein politisches Wunschdenken, das an der globalen Marktrealität vorbeiging. Aber das ist nicht schlimm. Viel wichtiger als ein willkürlicher Prozentwert auf dem Weltmarkt ist, dass wir in Europa eine krisenfeste Grundversorgung für unsere Schlüsselindustrien aufbauen. Wenn wir es schaffen, die Lieferketten für unsere Automobil- und Industriepartner durch Fabriken wie in Dresden abzusichern, hat der Chips Act seine wichtigste Aufgabe erfüllt. Wir müssen aufhören, den USA oder Taiwan im High-End-Bereich hinterherzurennen, und stattdessen unsere eigenen industriellen Stärken ausbauen.