Auf dem Papier klingen die Zahlen beeindruckend. Seit dem 1. Januar 2026 bezuschusst der Bund die Übertragungsnetzentgelte mit 6,5 Milliarden Euro. Die Gasspeicherumlage — ein versteckter Aufschlag auf Millionen Gasrechnungen — fiel zeitgleich weg. Für das produzierende Gewerbe wurde die Stromsteuer auf das EU-Mindestmaß gesenkt. Rechnet man die Übernahme der früheren EEG-Umlage mit 17 Milliarden Euro hinzu, entlastet der Staat Wirtschaft und Bürger nach eigenen Angaben um rund 10 Milliarden Euro jährlich.

Ein Durchschnittshaushalt mit 3.500 Kilowattstunden Strom- und 20.000 Kilowattstunden Gasverbrauch spart 2026 rechnerisch etwa 160 Euro. Neuverträge für Strom wurden im Januar mit durchschnittlich 34,87 Cent pro Kilowattstunde bereits 6,7 Prozent günstiger abgeschlossen. In Berlin und Brandenburg sanken die Netzentgelte stellenweise um bis zu 23 Prozent. Die Koalition feierte das Gesetz als zentralen Erfolg aus dem Koalitionsvertrag. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) versprach, 2026 werde Energie spürbar billiger.

Sie hatte nicht unrecht. Doch die Geschichte hat eine Kehrseite.

Die Festpreisfalle bei den Versorgern

Eine Recherche des Handelsblatts bei großen Energieversorgern wie E.ON, EnBW und EWE zeigte im März die Lücke im Gesetz: Keiner der befragten Konzerne gab den staatlichen Netzentgelt-Zuschuss an Kunden mit laufenden Festpreisverträgen weiter. Der Grund ist simpel: Der Gesetzgeber hat sie nicht dazu verpflichtet. Verträge mit Preisgarantie wurden von der gesetzlichen Weitergabepflicht schlicht ausgenommen.

Kleinere Versorger ohne langfristige Preisgarantien beklagen eine massive Wettbewerbsverzerrung zugunsten der Marktführer. Für Verbraucherschützer ist das Fazit ernüchternd: Für Millionen Haushalte mit laufenden Mehrjahresverträgen existiert die Entlastung nur in der Pressemitteilung der Ministerien.

Hinzu kommt eine heikle Personalie: Vor ihrem Wechsel in die Politik war Reiche Vorstandsvorsitzende von Westenergie — einer E.ON-Tochter und einem der größten Regionalversorger des Landes. Der Vorwurf, das Haus habe das Gesetz so formuliert, dass Großkonzerne vor automatischen Weitergabepflichten geschützt bleiben, stand schnell im Raum. Ihr Ministerium dementierte entschieden. Die politische Debatte aber schwelt weiter.

Industriestrompreis: Klare Kante für Großabnehmer

Deutlich unkomplizierter profitiert die Schwerindustrie. Im April gab die EU-Kommission grünes Licht für den deutschen Industriestrompreis. Das Modell peilt einen Zielpreis von fünf Cent pro Kilowattstunde für energieintensive Betriebe in über 90 Branchen an — von der Chemie über Stahl bis hin zu Glas und Halbleitern. Unternehmen kaufen Strom am Markt ein und bekommen die Differenz über die Hälfte des Großhandelspreises erstattet.

Der DGB begrüßte die Regelung, forderte jedoch eine Verlängerung auf zehn Jahre; das aktuelle Paket läuft nur bis 2028. Branchenverbände sprechen von einem ersten Schritt, nicht von einer dauerhaften Lösung.

Teures Pflaster im europäischen Vergleich

Die strukturellen Probleme bleiben ungelöst. Deutsche Strompreise zählen weiterhin zu den höchsten in Europa. Zwischen 2020 und 2025 stiegen die Netzentgelte für Privatkunden um rund 47 Prozent. Das Entlastungspaket von 2026 federt diesen Anstieg nur teilweise ab — und keineswegs flächendeckend.

Zudem hat der Bundestag bereits beschlossen, den Netzentgelt-Zuschuss 2027 auf den Prüfstand zu stellen. Der fiskalische Spielraum ist eng, und der Klima- und Transformationsfonds (KTF), aus dem die 6,5 Milliarden Euro fließen, hat keinen unbegrenzten Puffer.

«Ein Haushalt, der im Januar den Anbieter gewechselt hat, zahlt weniger. Wer in einem alten Vertrag feststeckt, geht leer aus.»

Reiche vertritt derweil eine Linie, die mit der ihres Vorgängers bricht: Den Atomausstieg von 2023 hält sie offen für einen Fehler und treibt als Brückentechnologie den Bau neuer Gaskraftwerke voran. Die Grünen, die im Bundestag gegen das Netzentgeltgesetz stimmten, sehen darin einen Rückschritt bei der Energiewende. Die Regierung nennt es Realpolitik.

Zwar erreichten die erneuerbaren Energien im ersten Quartal 2026 einen Rekordanteil von 55 Prozent an der Stromerzeugung, der Netzausbau läuft und die Ausbauziele für 2030 stehen. Doch die politische Logik der Transformation hat sich gewandelt. Die Regierung Merz wickelt die Energiewende nicht ab — sie preist sie neu ein und verteilt die Lasten anders.