Wie dramatisch ist die Lage der deutschen Wirtschaft wirklich?

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Phase der Stagnation. Die jüngsten geopolitischen Turbulenzen im Nahen Osten haben die Energiepreise erneut in die Höhe getrieben und den privaten Konsum gelähmt. Das DIW Berlin musste daher im Juni seine Wachstumsprognose für das Gesamtjahr 2026 auf magere 0,5 Prozent korrigieren. Ohne staatliche Interventionen würde Deutschland heute tief in einer technischen Rezession stecken. Der private Konsum ist blockiert. Die Industrie kämpft mit hohen Kosten.

Warum wird ausgerechnet die Rüstungsindustrie zum Rettungsanker?

Die Antwort liegt in den massiven Aufträgen des Bundeswehr-Sondervermögens und der regulären LPM-Budgets. Die deutsche Verteidigungsindustrie erlebt eine Sonderkonjunktur. Unternehmen wie Rheinmetall, KNDS Deutschland und Hensoldt bauen neue Produktionsstätten auf, stellen tausende Mitarbeiter ein und arbeiten im Dreischichtbetrieb. Diese massiven staatlichen Rüstungsausgaben wirken wie eine klassische keynesianische Konjunkturspritze. Sie stützen die Industrieproduktion und sichern hochbezahlte Arbeitsplätze in Regionen, die sonst stark unter der Deindustrialisierung leiden würden.

Welche Rolle spielen die Infrastrukturinvestitionen von Kanzler Merz?

Neben Panzern und Munition fließt staatliches Geld vor allem in Schienen, Straßen und Brücken. Die von Kanzler Friedrich Merz angeführte Regierungskoalition hat die strengen Budgetgrenzen der Schuldenbremse durch gezielte Sondervermögen umgangen, um das marode Schienennetz der Deutschen Bahn und hunderte baufällige Autobahnbrücken zu sanieren. Diese Milliardeninvestitionen sichern die Existenz zahlreicher mittelständischer Bauunternehmen und Stahlzulieferer. Sie fangen den drastischen Einbruch im privaten Wohnungsbau zumindest teilweise auf.

Gibt es auch Schattenseiten dieser staatlichen Ausgabenpolitik?

Ja, und sie sind erheblich. Die Stabilisierung der Wirtschaft wird durch neue, teils verdeckte Schulden erkauft, was die Debatte um die Schuldenbremse weiter anheizt. Zudem warnen Ökonomen vor einem Verdrängungseffekt: Gelder, die in Panzer und Schotter fließen, fehlen bei der Digitalisierung der Verwaltung und im ohnehin maroden Bildungssystem. Das Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent ist künstlich aufgebläht. Es kaschiert die Tatsache, dass die private Wirtschaftskraft schrumpft und der Staat zum einzigen verbliebenen Wachstumstreiber geworden ist.